Zwischenbericht
Der Start des Projekts verlief zunächst etwas schwierig: Die ursprünglich für Juli 2025 geplante Tour musste wegen zu geringer Anmeldungen auf Oktober verschoben werden. Rückblickend war das eine gute Entscheidung – die geplante Strecke war körperlich anspruchsvoll, und die für Oktober verkürzte Version reichte bereits an die Belastungsgrenze der Teilnehmenden. Die Verschiebung brachte zwar zusätzlichen organisatorischen Aufwand, führte aber letztlich zu einer stabilen und motivierten Gruppe. Drei Jugendliche aus der ursprünglichen Planung blieben dabei, weitere kamen durch direkte Ansprache und Eigeninteresse hinzu.
Die Durchführung verlief insgesamt sehr gut. Organisation und Zeitplan funktionierten, die Gruppe harmonierte trotz des Altersunterschieds (13–18 Jahre) hervorragend. Alle achteten aufeinander, fuhren rücksichtsvoll und unterstützten sich gegenseitig. Ein kleiner Unfall mit einer Knieverletzung blieb folgenlos. Zwei Teilnehmerinnen mussten wegen Erschöpfung zeitweise ins Begleitfahrzeug umsteigen – eine von ihnen, weil die Strecke persönliche Erinnerungen in ihrer Familie berührte. Inhaltlich arbeiteten die Jugendlichen weitgehend selbstständig. Bei der Führung durch das ehemalige KZ-Außenlager Mülsen St. Micheln (heute Textilwerk) erhielten sie verschiedene Quellen, darunter Berichte von Häftlingen, Angestellten und Anwohnerinnen. Die Arbeit damit funktionierte gut, auch wenn wenig Zeit für eine tiefere Quellenkritik blieb. Entlang der Route hielten wir an Informationstafeln zum Todesmarsch. Besonders eindrücklich war der Halt in Niederschlema, wo 83 KZ-Häftlinge ermordet wurden. Die Jugendlichen erkundeten das Denkmal mithilfe von Fragebögen. Im Stadtarchiv Schneeberg erklärte der Stadtarchivar die Arbeitsweise eines Archivs und zeigte Recherchemöglichkeiten. Am zweiten Tag legten wir über 50 Kilometer und rund 700 Höhenmeter von Schneeberg bis Falkenstein zurück. Unterwegs beschäftigten wir uns mit Zeitzeugenberichten und Todesmärschen in Sachsen. Entlang der stillgelegten Bahnstrecke Chemnitz–Adorf fotografierten die Jugendlichen noch sichtbare Gleisreste. In Werda führte uns der Ortschronist Daniel Gerbeth zu den Gräbern von Häftlingen des Mülsener Todesmarschs, die bei einem Fluchtversuch getötet wurden, und übergab weiteres Archivmaterial. Am dritten Tag fuhren wir mit der Bahn von Falkenstein nach Litoměřice – vermutlich auf derselben Strecke, die auch die Gefangenen 1945 nahmen. Unterwegs lasen wir passende Quellen, etwa den Bericht eines Häftlings, der in Kadaň aus dem Zug sprang. In Litoměřice und Terezín führte uns Karel Rožec (*1943) zu wichtigen historischen Orten. Da er sehr gut Deutsch spricht, konnten die Jugendlichen ohne Sprachbarriere folgen und stellten viele Fragen.
Bereits zu Beginn war klar, dass die Jugendlichen die Reise dokumentieren sollten. Neben Fotos entstand unterwegs die Idee, einen Zeitstrahl zu gestalten, der historische Ereignisse und unsere Tour verbindet – mit Zeichnungen und Fotos. Die Aufgaben wurden verteilt (Texte, Gestaltung, Auswahl der Bilder), der Zeitstrahl soll digital und gedruckt veröffentlicht werden, um die Geschichte möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen.
Die Stimmung in der Gruppe war durchgehend positiv und engagiert. Aus Sicht der Gruppenleitung war das Projekt sowohl organisatorisch als auch pädagogisch erfolgreich und zeigte, wie das körperliche Erleben der Reise die emotionale Auseinandersetzung mit dem Thema unterstützt. Im abschließenden Feedback der Jugendlichen wurde deutlich, wie tief sie die Reise bewegt und tiefgreifende Reflexionsprozesse angestoßen hat.
Träger: Kompetenzzentrum für Gemeinwesenarbeit und Engagement e.V.
Ort: Aue-Bad Schlema