Zwischenbericht
Seit Beginn unserer Recherchen zu den jüdischen Familien in Wurzen hat sich ein beeindruckendes Bild von Ausdauer, detektivischem Spürsinn und lebendiger Erinnerungskultur entwickelt. Unsere Arbeit begann mit einer intensiven Suche in alten Archiven, Registern und vergilbten Listen, die teils über Jahrzehnte unbeachtet geblieben waren. Viele dieser Dokumente lagen in schwer lesbarer Handschrift oder in unvollständigem Zustand vor, sodass allein das Entziffern und Zuordnen einzelner Namen zu einer Herausforderung wurde. Doch gerade diese mühselige Suche erwies sich als lohnend – jedes gefundene Fragment brachte uns den vergessenen Geschichten der Wurzener Juden ein Stück näher.
Parallel dazu begannen wir, systematisch nach Bildern zu suchen, die das Leben dieser Menschen sichtbar machen. Diese Spurensuche war oft von Enttäuschungen begleitet – viele Spuren verliefen im Sand, zahlreiche Familienalben waren verloren. Doch durch beharrliches Nachfragen, das Knüpfen von Kontakten zu allen relevanten Wurzener Institutionen – darunter das Stadtarchiv, das Museum, Kirchengemeinden und Schulen – sowie durch die berührende Unterstützung von Nachfahren ehemaliger Wurzener Juden konnten wir letztlich ein kaum für möglich gehaltenes Ziel erreichen: Heute besitzen wir von jedem einzelnen bekannten jüdischen Holocaust-Opfer Wurzens ein Bild. Diese Gesichter verleihen den Biografien, an denen wir arbeiten, eine unvergleichliche Tiefe und Menschlichkeit.
Im Mittelpunkt unserer Forschung stehen die Lebensgeschichten der jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner Wurzens vor und während des Zweiten Weltkriegs. Mit großer Sorgfalt rekonstruieren wir Biografien, erfassen Lebenswege, berufliche Tätigkeiten, familiäre Verbindungen und Schicksale in der Zeit des Nationalsozialismus. Dabei stießen wir auch auf bisher unbekannte jüdische Bewohner, deren Existenz in offiziellen Verzeichnissen keine Spuren hinterlassen hatte. Durch die Entdeckung dieser Namen konnten wir nicht nur Lücken in der lokalen Erinnerung schließen, sondern auch bestehende Stammbäume ergänzen und familiäre Erinnerungen wieder miteinander verbinden.
Ein besonderer Höhepunkt unserer bisherigen Arbeit war die vollständige Überarbeitung und Neufassung aller Biografien der Wurzener Holocaust-Opfer. Jede dieser Lebensgeschichten wurde sorgfältig überarbeitet, sprachlich sensibel gestaltet und schließlich in ein hörbares Format überführt. Die so entstandenen Audioguides geben den Opfern ihre Stimmen zurück und machen ihre Geschichten für die heutige Generation unmittelbar erlebbar. Der nächste Schritt unseres Projekts ist bereits in Vorbereitung: Eine eigene Website, auf der alle Biografien, Bilder und Audioguides gesammelt und öffentlich zugänglich gemacht werden. Damit soll die Geschichte der jüdischen Familien in Wurzen dauerhaft bewahrt und für kommende Generationen erfahrbar gemacht werden – als Zeichen gegen das Vergessen und für die lebendige Erinnerung an die Menschen, die einst Teil dieser Stadt waren.
Träger: Kirchgemeinde St. Wenceslai
Ort: Wurzen